Treuenbrietzen

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Aktion „Denkmal des Monats“

Mai 2004 / Die Potsdamer Alexandrowka

 

 

 

 

 

 

 

Die russische Kolonie Alexandrowka in Potsdam
In der Nauener Vorstadt, die sich nördlich an die barocke Innenstadt Potsdams anschließt, liegt südlich des Pfingstberges an der alten Landstraße nach Spandau und Nauen die russische Kolonie Alexandrowka. Ihre pittoreske Lage, der eigenartige hippodromförmige Grundriss des Dorfes und die russischen Architekturformen stellen etwas Außergewöhnliches in der Potsdamer Kulturlandschaft dar.

Geschichte und Entstehung der Kolonie
Am 01.12.1825 starb der russische Zar (seit 1801) Alexander I. (*1777). Mit dem preußischen Königshaus war er politisch, verwandtschaftlich und freundschaftlich eng verbunden. Friedrich Wilhelm III. (1770/1797-1840) war russophil eingestellt. So verwundert es nicht, als er gleich Anfang des Jahres 1826 den Auftrag erteilte, eine geeignete Ortslage für eine "Russische Colonie" auszusuchen, die "... als ein bleibendes Denkmal der Erinnerung an die Bande der Freundschaft zwischen Mir und des Hochseeligen Kaisers Alexander von Rußland Majestät ..." errichtet werden sollte. Er beabsichtigte, eine Siedlung zu gestalten, die eher russischen Dörfern gleichen sollte, "da die Anlage nach Art der dortigen Militär-Colonien, in denen die Häuser mit der langen Seite gegen die Straße stehen, nicht gut aussehen und dem Äußeren unvortheilhaft sein würde."

Für die Erstellung der Bauten beauftragte der König den Hauptmann Snethlage, Kommandeur der Garde-Pionier-Abteilung, für die Anfertigung der Entwürfe für die Gesamtanlage den Gartendirektor Peter Joseph Lenné. Oberst von Röder hatte die Gesamtleitung der Unternehmung. In der Zeit vom 14. bis zum 27. Februar 1826 wurde die Planung erarbeitet, bei der der König selbst entscheidend mitwirkte.

Die in der Kolonie verwendete Hippodromform erfuhr, als Freiheitssymbol seit der französischen Revolution mit der Anlegung des Pariser Marsfeldes (1790) über die Gestaltung eines Hippodroms in Braunschweig (1815) als Denkmal für die beiden in den Freiheitskriegen gegen Napoleon gefallenen Herzöge Carl Wilhelm Ferdinand und Friedrich Wilhelm, eine neue Bedeutungsdimension. In dem Hippodrom der Alexandrowka werden beide Bedeutungen vereinigt: Die Kolonie soll ein "bleibendes Denkmal" für den verstorbenen Freund sein, und es erinnert gleichzeitig an den gemeinsamen Sieg über Napoleon. Am 10. April 1814 fand eine große Siegesparade auf dem Pariser Marsfeld statt, an der auch Alexander I. und Friedrich Wilhelm III. teilnahmen. Am 10. April 1826 stellte der preußische König die Gründungsurkunde für die Kolonie aus, die er damit zugleich "Alexandrowka" nannte.

Aufbau und Struktur der Alexandrowka
Die Dorfbebauung ist wahrscheinlich das letzte vollständig erhaltene Beispiel eines russischen Kunstdorfes. Das Vorbild für die Anlage ist in dem ab 1815 entstandenen, auf kreisförmigem Grundriss errichteten Parkdorf Glasowo bei Pavloswk zu suchen. Zur Kolonie gehören insgesamt zwölf kleine Gehöfte, ein Aufseherhaus, eine Kapelle und ein dazugehöriges Haus des Aufsehers der Kapelle, welches auch als Königliches Landhaus bezeichnet wurde, da dort der König, ebenso wie im Blockhaus Nikolskoe, ein Teezimmer unterhielt.

Es handelt sich bei den Gehöftanlagen um zwei Gruppen von Typenbauten. Die größere Gruppe umfasst acht Gehöfte mit jeweils einem giebelständigen, zweiachsigen, eingeschossigen Wohnhaus und einem parallel dazu angeordneten Wirtschafts-/Stallgebäude, wobei beide durch einen überdachten Torbau miteinander verbunden sind. Die kleinere Gruppe umfasst vier Gehöfte, die an der alten Nauener Landstraße stehen und zweigeschossig und dreiachsig sind. Die Anordnung des Stallgebäudes und der Tordurchfahrt ist vergleichbar. Alle Innenhöfe waren ursprünglich durch Bretterzäune zum Ackergelände hin abgeschlossen.

Bauweise
Alle Gebäude sind Fachwerkbauten, die heute nach Umbauten des späten 19. Jahrhunderts auf einem gemauerten Sockel stehen. Um einen Blockbau der Wohnhäuser vorzutäuschen, wurden auf das Fachwerk bei allen vier Außenwänden rundbohlenartige Verschalungen aufgenagelt. Die Ecküberkämmungen bestehen aus ca. 20 cm langen Rundhölzern, die übereinander lagernd in die Eckständer eingezapft sind. Die vorderen Giebelseiten sind mit zahlreichen Schmuckelementen verziert. Balkone und Veranden gehören als oft nicht benutzbare Bauteile ebenso zur Verzierung, wie die durchbrochenen Stirnbretter des Ortganges, die Stirnbrettflügel, die so genannten Giebelfahnen sowie die Umrahmungen der Fenster.
Bei den Wirtschaftsgebäuden ist lediglich die Straßenfassade mit einer Blockbauimitation versehen; die übrigen Fassaden sind mit einer einfachen vertikalen Bretterverschalung gestaltet.

Alexander-Newski-Kapelle
Auf der heute Kapellenberg, früher Alexanderberg, genannten Anhöhe steht die Alexander-Newski-Kapelle. Sie wurde nach Entwürfen des russischen Architekten Wassilij Petrowitsch Stassow (1769-1848) mit einigen Veränderungen von Karl Friedrich Schinkel 1829 fertig gestellt. Sie ist der früheste historisierende Kirchenbau in russischen Architekturformen und der älteste russisch-orthodoxe Kirchenbau in Westeuropa. Die Kapelle blieb bis ins späte 19. Jahrhundert der einzige Entwurf eines namhaften russischen Architekten im Ausland. In den Jahren 1990-1997 konnte die Kapelle, der sie umgebende kleine Friedhof und das unmittelbar anschließende Wegenetz mit Mitteln des Landes Brandenburg restauriert werden.

Königliches Landhaus
Das Königliche Landhaus auf dem Kapellenberg unterscheidet sich erheblich von allen anderen Gebäuden des Dorfes. Zum einen ist es wesentlich größer, zum anderen verfügt es über einen gänzlich anderen Zierrat sowie über eine glatte Verbretterung im Gegensatz zu den Blockhausimitationen bei den Häusern im Dorf. Die Erscheinungsform dieses Hauses ist auf eine andere Architektursprache zurückzuführen.

Alexandrowka als Vorbild
Die Alexandrowka war Vorbild für mehrere Bauten, die später wieder in Russland in bedeutenden Parkanlagen errichtet wurden. Auch die Kapelle fand eine spätere vergrößerte Wiederholung in Kiew. Alle diese Bauten existieren allerdings heute in Russland nicht mehr. Die Alexandrowka ist daher das vermutlich einzig vollständige russische Kunstdorf dieser Art in der Welt. Das Teehaus, heute fälschlicherweise Popenhaus genannt, stellt also eine Besonderheit innerhalb des Architektur- und Kulturaustausches zwischen Russland und Preußen dar. Das Haus nimmt für die kunstwissenschaftliche und architektonische Forschung eine einmalige Stellung ein.

Alexandrowka als Weltkulturerbe
1990 wurden die " Schlösser und Gärten von Potsdam und Berlin" in die Weltkulturerbeliste aufgenommen. 1992 wurde die Weltkulturerbestätte um die Heilandskirche sowie das Schloss und dem Park Sacrow erweitert. 1995 hat sich das Komitee mit dem Erhaltungszustand der Weltkulturerbestätte befasst und ihre Erweiterung empfohlen. Die deutschen Stellen haben diese Anregung dankbar aufgegriffen und in ihrem Bericht für das Komitee im Jahre 1996 die Erweiterung zum Beispiel um die Alexandrowka beantragt. Im Dezember 1999 wurde auf der Sitzung des Komitees in Marrakesch die Aufnahme der Alexandrowka in das Weltkulturerbe beschlossen. Somit ist das Potsdamer Weltkulturerbe um einen wichtigen Bestandteil vervollständigt worden.

Erhaltung und Sanierung der Kolonie
Das ehemalige Grünflächenamt, heute Bereich Stadtgrün, und das ehemalige Amt für Denkmalpflege, heute Bereich Untere Denkmalschutzbehörde, bemühen sich seit über zehn Jahren intensiv, die Russische Kolonie Alexandrowka weitestgehend in ihren ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen. Dieses konnte bisher weitgehend mit Haushaltsmitteln betrieben werden. Zusätzliche Unterstützung erhielt die Stadt dabei durch das Ministerium für Stadtentwicklung, Wohnen und Verkehr. Die seitens des Ministeriums zur Verfügung gestellten Mittel aus dem Programm "Städtebaulicher Denkmalschutz" in Höhe von rund 1.000.000 EUR wurden für die Gebäudesanierung und für Wegebau verwendet. Die Stadt Potsdam, die im Jahr 1991 in das Programm des Stadtentwicklungsministeriums aufgenommen wurde, steuerte hier einen Anteil von rund 250.000 EUR bei.

Insgesamt beliefen sich die Aufwendungen zur Erhaltung und Sanierung der Kolonie auf rund 3 mio EUR, wobei zusätzlich Mittel des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur, Mittel der Deutschen Bundesstiftung Umwelt und der Deutschen Stiftung Denkmalschutz sowie Hauptstadtmittel eingesetzt wurden.

Wesentliches Ziel ist es dabei, die gärtnerisch- und landwirtschaftlich genutzten Flächen im Dorfbereich in großen Teilen wiederherzustellen. Dabei ist vor allem auch daran gedacht, die historischen Obstpflanzungen zu vervollständigen. Dieses Vorhaben beruht auf gründlichen pomologischen Voruntersuchungen. Es wird dabei versucht, das historische Sortenspektrum, welches einmal in Potsdam durch Lenné in dessen Landesbaumschule vorgehalten wurde und auch dann zur Auspflanzung kam, soweit das noch möglich ist, wiederherzustellen.

Für den Kapellenberg wurde mit Unterstützung der Deutschen Stiftung Umwelt (DBU) ein Parkpflegewerk erarbeitet. Es dient künftig der allmählichen Wiederherstellung eines parkwaldartigen Landschaftsbildes auf den Kapellenberg.

Vier Gehöfte und das Aufseherhaus konnten bisher vollständig restauriert werden, wobei die Deutsche Stiftung Denkmalschutz finanzielle Unterstützung leistete. Weitere Bauten befinden sich im Restaurierungszustand.
In dem Aufseherhaus hat inzwischen eine russische Teestube den Betrieb aufgenommen. Im Gehöft Nr. 2 wird demnächst ein privates Museum zur Geschichte der Alexandrowka eröffnet werden.

Auszeichnungsveranstaltung: Russisches Flair in der Mark Brandenburg
Am 6. Mai wurde die russische Kolonie Alexandrowka in Potsdam als Denkmal des Monats Mai von der Arbeitsgemeinschaft "Städte mit historischen Stadtkernen" ausgezeichnet. Michael Knape, Bürgermeister der Stadt Treuenbrietzen und Vorsitzender der Regionalgruppe Süd-West, überreichte die Urkunde an Oberbürgermeister Jann Jakobs. Michael Knape betonte, dass die Auszeichnung der Alexandrowka bereits seit langem "fällig" sei, da viel für den Erhalt und die Erneuerung des einzigartigen Ensembles getan worden sei. Doch sei auch hier wieder deutlich geworden, dass Denkmalschutz eine wichtige Aufgabe und nur mit einer Unterstützung einer Vielzahl von Partnern zu bewältigen sei. Das Ergebnis könne sich dann in allen Städten der Arbeitsgemeinschaft, wie auch hier wieder bewiesen, sehen lassen und leiste einen großen Beitrag für die Lebendigkeit der historischen Stadtkerne. Jann Jakobs bedankte sich für die Auszeichnung und den vielen Mitstreitern, die die Kolonie zu dem heutigen Schmuckstück gemacht hätten und begrüßte unter den Anwesenden besonders die Delegation der polnischen Partnerstadt Opole. Er selbst könne als Bewohner der Kolonie die Mühe aber auch das lohnende Ergebnis der Erhaltung zu schätzen wissen. Andreas Kalesse, Stadtkonservator der Stadt Potsdam, erläuterte im Anschluss die Besonderheiten der Kolonie. Hier sei insbesondere auf die Gartenanlagen verwiesen, in denen bis zu 300 verschiedene Apfelsorten angepflanzt wurden. Anziehungspunkt ist bereits heute die Russische Teestube deren schmackhafter kultureller Beitrag die Gäste der Auszeichnungsveranstaltung begeisterte. In der heute anlässlich der Auszeichnung geöffneten Alexandrowka Nr. 2 wird in Kürze ein Museum über die Geschichte der Alexandrowka informieren.

Text, Fotos: Stadt Potsdam, Untere Denkmalschutzbehörde, Andreas Kalesse, Stadtkonservator/ complan GmbH, Silke Geurts

Die Bilder zeigen die Auszeichnungsveranstaltung am 6. Mai 2004, es sprachen Jann Jakobs, Oberbürgermeister der Stadt Potsdam und Michael Knape, Bürgermeister der Stadt Treuenbrietzen.

Herausgeber: Geschäftsstelle Arbeitsgemeinschaft, 06-.05.2004

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